Vor meinem Tisch stand eine Menschentraube, und kaum jemand hat dabei auf mich geachtet – alle schauten auf einen Bierdeckel, der sich langsam drehte, während ein Kugelschreiber darauf Ring um Ring zog. Nach etwa fünf Minuten war ein Gesicht zu erkennen, nämlich das der Person, die ganz vorne stand.
Das war Ende September auf dem Hamburg Artists Art Market (HAAM) im Kraftwerk Bille, der dieses Jahr zum vierten Mal stattfand. Die Maschine auf meinem Tisch heißt Peppo (kurz für Pen Polar Plotter), und bis sie dort stehen konnte, hat es ziemlich genau acht Jahre gedauert.
Die Idee habe ich zum ersten Mal Ende 2018 auf Hackaday gesehen, einem großen Blog für Bastel- und Elektronikprojekte: den Polar Coaster von Bart Dring, eine kleine Zeichenmaschine für Getränkeuntersetzer. Das Prinzip ist eigentlich simpel – der Bierdeckel liegt auf einem Drehteller, und der Stift fährt auf einem Schlitten von der Mitte nach außen. Statt mit links-rechts und vor-zurück wie bei einem normalen Plotter arbeitet die Maschine also mit zwei anderen Größen: wie weit sich der Teller gedreht hat und wie weit der Stift von der Mitte entfernt ist (Polarkoordinaten).
Ich wollte sofort so einen haben, allerdings nicht als Ersatz für die Rolands, eher als Gegenstück dazu. Die großen Vintage-Maschinen stehen im Studio und bleiben da auch. An kompakten Selbstbauten fasziniert mich etwas anderes: dass man sie mitnehmen kann und dass man über sie ganz leicht mit Leuten ins Gespräch kommt.
Dazu kommt, dass sich ein polarer Plotter anders bewegt als ein klassischer, der auf zwei geraden Achsen fährt, und das sieht man den Linien am Ende auch an. Und Bierdeckel sind leicht zu finden – für kleine Skizzen und Spaßbilder finde ich das Format fast ideal.
Was mir allerdings fehlte, waren ein 3D-Drucker und jede Erfahrung mit Hardware. Also blieb es erst mal beim Wollen (wer meinen ersten Beitrag gelesen hat, kennt das Muster).
2024 habe ich dann Barozzi (@barozz.it) kennengelernt, der meine Faszination für Stiftplotter teilte und genau die Ausstattung und das technische Geschick hatte, die mir fehlten – er hatte zu dem Zeitpunkt sogar schon einen eigenen Plotter entwickelt. Damit sah die Sache plötzlich ganz anders aus.
Als Basis haben wir einen Remix des Polar Coaster von kubino genommen, also eine abgewandelte Version des Originals, die jemand frei zum Nachbauen ins Netz gestellt hat. Darin steckt statt des ursprünglichen Steuerchips ein Arduino (dazu gleich mehr), außerdem kräftigere Motoren und stabilere Führungsstangen. Die Designentscheidungen haben wir zusammen diskutiert, danach hat sich Barozzi um den 3D-Druck und den Zusammenbau gekümmert, während ich die erste Software geschrieben habe.
Das Ziel war von Anfang an ein möglichst mobiles Setup, mit dem man in einer Kneipe live Porträts machen kann – deshalb ja auch die Bierdeckel. Das heißt, alles läuft auf Akku, und nicht nur der Plotter selbst, sondern auch die Steuerung muss mobil sein. Am Ende sieht das so aus:
- Im Plotter sitzt ein Arduino, ein kleiner, einfacher Mikrocontroller, mit einer Aufsteckplatine für die Motoren (einem sogenannten CNC-Shield). Darauf läuft GRBL, eine verbreitete Software, die Bewegungsbefehle in einzelne Motorschritte übersetzt.
- Ein Raspberry Pi, ein vollwertiger Minicomputer ungefähr so groß wie eine Zigarettenschachtel, spannt ein eigenes WLAN auf, in das man sich mit dem Handy einwählt. Er liefert die Steuerungsseite aus, die man dann ganz normal im Browser bedient, und schickt dem Arduino die Zeichenbefehle (G-Code, im Grunde eine lange Liste von Anweisungen wie „fahre hierhin, Stift runter, fahre dorthin“).
- Mit dem Handy macht man ein Foto, das direkt in Stiftpfade umgerechnet wird, also in die Linien, die der Stift später abfährt. Die gehen an den Pi, und der Pi plottet.
- Als Stifte nehme ich ganz normale Kugelschreiber oder Tuschestifte.
- Der Strom kommt aus einer Powerbank.
Für die Porträts habe ich meinen Baumring-Algorithmus genommen, weil der am besten zur Maschine passte: Die Ringe folgen der Drehbewegung des Plotters ziemlich natürlich, statt gegen sie zu arbeiten. Wie er genau funktioniert, erkläre ich in einem eigenen Beitrag – ich nutze ihn in abgewandelter Form ohnehin für viele Projekte.

Danach hatte ich Peppo oft im Gepäck, wenn ich Freunde besucht habe, und das war eigentlich die richtige Testphase – viele Plots, viel Feedback und eine Menge kleiner Fehler.
Gelernt habe ich dabei vor allem zwei Dinge. Das eine: Kinder können sich stundenlang mit dem Gerät beschäftigen, Foto machen, zuschauen, nächstes Foto.
Das andere war etwas unangenehmer, nämlich dass eine gute und einfache Bedienung enorm wichtig ist, sobald man etwas häufiger benutzt. Bei meinen eigenen Algorithmen räume ich dem grundsätzlich zu wenig Zeit ein, schließlich weiß ich ja, was jeder Parameter macht, und kenne jede Konfigurationsdatei mit allen Einstellungen.
Jedenfalls so lange, bis ich nach einem halben Jahr Pause zurückkomme und das Gefühl habe, es wäre einfacher, komplett neu anzufangen, als alles noch mal zu lernen. Genau das ist dann auch passiert, und das Projekt lag eine Weile still.
Wieder aufgerafft habe ich mich erst für die HAAM. Ich habe den Code überarbeitet und robuster gemacht, und vor allem die Bedienung so weit vereinfacht und vereinheitlicht, dass ich Peppo im Live-Betrieb zuverlässig nutzen kann, während ich mit Besuchern rede, statt ständig aufs Handy zu schauen.
Und das hat tatsächlich geklappt. Ich habe Porträts von Besuchern live gezeichnet und verschenkt, Fragen beantwortet, das Prinzip erklärt, gefachsimpelt und auch darüber geredet, wo man so etwas noch einsetzen könnte – Porträts der Gäste auf einer Hochzeit zum Beispiel, oder als individuelles Souvenir auf einer Messe, wo man dann nebenbei fünf Minuten für ein Gespräch hat (so lange braucht ein Plot ungefähr).
Danach habe ich angefangen, Bilder von Peppo auf Instagram zu posten, und auch da war das Feedback deutlich größer, als ich erwartet hatte. Es scheint fast so, als hätten viele auf genau so etwas gewartet.

Ich glaube, ich verstehe inzwischen auch, warum. Peppo ist letztendlich eine einfache Maschine, bei der man sofort sieht, wie sie funktioniert, und die eine leicht verständliche Aufgabe erledigt. Man kann die nächste Bewegung schon vorausahnen und freut sich trotzdem jedes Mal darüber, wie beständig und präzise sie das macht.
Ich werde Peppo deshalb auf jeden Fall öfter ausstellen und auch regelmäßiger Bilder auf Instagram teilen – denn erst wenn man sich länger mit einem Thema beschäftigt, kommen die neuen Ideen, sei es für weitere Algorithmen, die polar Sinn ergeben, oder für neue technische Möglichkeiten.
Eine Version 2 ist nämlich schon in Planung: mit größerer Zeichenfläche und einer beweglichen Höhenachse für den Stift. Bisher kann Peppo den Stift nur aufsetzen oder anheben, künftig soll er ihn stufenlos bewegen können, womit sich zum Beispiel der Stiftdruck steuern lässt. Und alles in einem kompakten Gehäuse, diesmal kein Remix, sondern komplett selbst entwickelt.
Mehr dazu, sobald es etwas zu zeigen gibt.

